Lebensterrain 2.0

Lebensterrain – „Was brauche ich als Erdverbundene für mein Überleben und was bin ich folglich bereit, zu verteidigen?“

Als erstes sind mir lauter Ideen oder Werte eingefallen, ohne die ich nicht leben wollen würde, z.B. Frauenrechte, ein funktionierendes Rechtssystem bzw. Gesundheitssystem, Bildung, Chancengleichheit, Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, Sicherheit und so weiter.. Im Grunde mehr oder weniger die Maslow‘sche Pyramide der Grundbedürfnisse. Aber nach der Lektüre Latours wurde mir bewusst, wie wenig greifbar diese Werte eigentlich sind. Vielleicht ist ja gerade das das Problem, ich lebe, ohne es zugeben zu wollen, ähnlich wie Trump und seine Klimaleugner in einer Scheinwelt. So sehr mir diese Zivilisationsleistungen alle am Herzen liegen, und so sehr ich bereit bin, sie zu verteidigen, koste es, was es wolle, sind sie letztendlich bloße Gedankenkonstrukte.

Was sind folglich konkrete Dinge und Lebewesen, ohne die ich nicht leben kann?

Komischerweise vielen mir spontan als erstes die Bienen ein. Nachdem ich „Die Geschichte der Bienen“ gelesen hatte, wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, dass ich als Normalsterbliche vermutlich nie ganz die Abhängigkeitsketten der Natur verstehen werde. Abhängigkeiten, das erinnert irgendwie so schnell an ein deterministisches Weltbild. Ich bin abhängig von dem Überleben der Bienen und von dem Schmetterling, der tausende Kilometer von mir entfernt über dem Ozean mit einem Flügelschlag einen Sturm auslöst… Irgendwie gefällt meinem modernistisch geprägten Weltbild diese Vorstellung nicht. In Zeiten des Anthropozäns sind wir als Menschen das beruhigende Gefühl gewohnt, Herrscher über die Welt zu sein. Aber so allmächtig wir uns doch auch vorkommen dürften, wir werden niemals komplett diese Abhängigkeitsketten nachvollziehen können. Je länger wir versuchen, genau zu orten, was unsere Abhängigkeiten denn konkret sind, desto klarer wird das. Und vielleicht ist es genau durch dieses letzte Unverständliche, dass wir den Zugang zum Erhabenen wiederfinden, welches wir, wie Latour schildert, im Angesicht unserer anthropozänen Macht verloren haben. Wenn wir wieder diese Ohnmacht im Angesicht der Natur spüren, wenn die vollkommene Unbegreiflichkeit dieses Lebens einsickert, können wir gar nicht anders, als unser Leben radikal, d.h. von Grund auf zu ändern. Dann wird klar, dass der Konsum und unser Wachstumssystem endgültig ausgedient hat. Vielleicht ist es daher ja ganz falsch angepackt, den Klimawandel lösen zu wollen, sondern ist es eine Frage des Bewusstwerden des Subjekts. Man kann die Klimaleugner in ihrer Scheinwelt nicht zum Handeln zwingen zu einem Problem, das sie nicht erkennen, aber man kann versuchen, gerade dieses Bewusstsein zu schaffen. Und zwar nicht auf die gängige Art, indem man mit Fakten, die sowieso nichts auszurichten scheinen, zu überzeugen versucht, sondern indem – insbesondere die Architektur in ihrer Funktion als Raumkunst! – versucht, die Menschen ganz im Sinne Latours wieder zu „erden“, im Hier und Jetzt ankommen zu lassen, das Staunen über das Unverständnis unserer Abhängigkeiten und der Natur als Schauspiel, ja einen Sinn für das im 19 Jh. verloren gegangene Erhabene wieder weckt.

Was bedeutet das konkret für die Architektur? Dass sie uns im Alltag wieder und wieder auf den Boden zurückholt, dass sie uns in ihrer Präsenz und Materialität als Subjekt bewusstwerden lässt und aus der Scheinwelt herausreißt. Denn erst ein bewusstes, aufgeklärtes Subjekt kann überhaupt handeln. Insofern ist es, und das ist vermutlich unser größter Trugschluss gewesen bis jetzt, gar nicht eine Frage der Ethik, sondern des Subjekts, der Lebensphilosophie.

Und das bedeutet nicht, klein zu denken, auf gar keinen Fall. Größer denken als eine bewusste Welt ohne Konsum, ohne den Wachstumsgedanken, geht fast gar nicht. Aber zunächst müssen wir uns besinnen und bewusst klein denken. Insofern ist diese neue Art von Aufklärung, von „Erleuchtung“ des Subjekts die große (U)Topie des 21. Jahrhunderts, allerdings vermutlich eher eine „Topie“ im Sinne Foucaults, als dass sie nicht ein Un-Ort, sondern ein konkreter Ort ist, wie es konkreter nicht geht.