Terrestrische Manifest von Bruno Latour_Aufgabe

Suhrkamp Verlag 2019

Fragestellung:

Beschreibt und definiert euer Lebensterrain. Geht auf die Abhängigkeiten ein: „(…)wovon ein Erdverbundener für sein Überleben abhängt, und sich dann zu fragen, welche anderen Erdverbundenen von ihm abhängig sind.“(s.110;z.8)

Erläuterung:

Wenn man nach der Definition des Lebensterrains von Bruno Latour geht, beschränkt sich dieses Terrain auf eine Auflistung von seinem „Besitz“.

Ich empfinde Latours Aussage als schwierig, da er der meint: „ (…) auflisten, was er für sein Überleben benötigt und was er folglich bereit ist zu verteidigen, wenn es sein muss mit seinem eigenem Leben.“ (S.110, Z.15-17). 

In einer anderen Zeile ist jenes „Benötigte“ (zumindest teilweise) als der Besitz des jeweiligen Erdverbundenen definiert. Dieser Besitz, von dem der Erdverbundene abhängig ist und den er mit seinem Leben verteidigen würde, ist wie ich finde schwer zu beschreiben.

Genauso problematisch sehe ich das „folglich“. Selbst wenn man diesen „Besitz“ klassisch auf das materielle Eigentum beschränkt, ist es vorerst eine untypische Entscheidung diesen unbedingt mit seinem Leben verteidigen zu wollen. 

Diese Entscheidungen werden eigentlich immer nur in prozentualen Variationen eingegangen. Zum Beispiel würde das heißen, dass ich meine Wohnung und deren Inhalt bei einem Einbruch verteidigen würde, aber nur weil ich meine Überlebenswahrscheinlichkeit instinktiv als hoch eingestuft hätte.

Dieser positive Ausgang ist natürlich nicht vorausgegeben. Denn wenn man einmal annimmt, dass ich mein Leben für meinen Besitz verloren hätte, würde es trotzdem nicht beweisen, wie sehr der Besitz und meine Opferbereitschaft dazu koalieren. Denn wenn ich mal bei diesem hypothetischen Beispiel bleibe, heißt es dennoch nicht, dass ich mich entschieden habe, mein Leben für meinen Besitz einzutauschen, sondern nur, dass ich mich einer riesigen Misskalkulation schuldig gemacht habe.

Um das kürzer zu fassen: Bei einer eins zu eins Gegenüberstellung würde ich, zwischen meinen Ressourcen/materiellen Besitz und meinem eigenen Leben, mich niemals für ersteres entscheiden. Die Frage müsste sich entweder auf einen Prozentzahl beziehen, wie sehr man bereit ist das Risiko einzugehen, oder man müsste die Situation detaillierter formulieren.

Denn ansonsten steht auf der „Besitz“-Seite nur noch das, was mein Körper zum Überleben unbedingt benötigt, sprich: Luft, Wasser und Nahrung. Werde ich dieser Güter über einen längeren Zeitraum beraubt, dann würde ich wahrlich „verschwinde(n)“(s.110;z.23).

Ich bezweifle aber, dass diese drei physischen Grundbedürfnisse die Intention des Autors gewesen sind, sondern ein metaphorischer Raum, der die Bedürfnisse des Wesens beinhaltet.

Wenn man diesen Teil überspringt, gliedert Bruno Latour die Liste des Besitzes in die vom Produktionsprozess abhängige Eigenschaften und diese vom Erzeugerprozess abhängige Eigenschaften. Bei dem Produktionsprozess wurde als Beispiel gegebenen: Ressourcen und Menschen. Da ich die Problematik bei Ressourcen schon oben geschildert habe, gehe ich über zu den Menschen von denen ich abhängig bin und die ich schützen würde.

Da würde ich selbstverständlich (nur) den allerengsten Kreis schützen: Die Familie und Freundin. 

Die Frage ist aber nicht nur, wen ich verteidigen würde, sondern von wem ich zudem abhängig bin und zwar überlebensnotwendig. 

Ich bin natürlich finanziell sehr wohl von meinen Eltern abhängig, aber für das Überleben vermutlich nicht. Zumindest nicht mehr. Das kommt natürlich auch auf die jeweilig Situation und Zeit an. Ich bin vermutlich mehr abhängig vom Sozialstaat Deutschland, also vom System, als von einzelnen Personen. Dieses System schützt nicht nur meine Überlebensbedürfnisse (Hartz-IV, Krankenversicherung, Ärzte, etc.pp ) sondern auch meine fundamentalen Rechte und Werte (Menschenrechte, Grundrechte,…). 

In einigen Textpassagen erwähnt er, dass die “Konfigurationen (…) quer durch alle raum-zeitlichen Ebenen verlaufen.“(s.110;z.12-13) Somit wird es noch komplizierter eine konkrete Antwort zu erreichen. Denn wenn es losgelöst ist von Raum und Zeit, frag ich mich, wie man dann eine genaue Spezifizierung erlangen soll. 

Denn dann ist die Frage: Bezieht es sich auf jetzt? Also bestimmt mein Lebensterrain meinen jetzigen „Besitz“ und meine momentanen Abhängigkeiten/Verantwortungen oder all dies, bezogen auf den Zeitraum von Geburt bis Jetzt. Was ist dann mit dem kommenden Besitz? Werden diese außen vor gelassen? Oder kann ein Lebensterrain erst mit Sicherheit bestimmt werden, wenn der anthropomorphische Lebensyklus abgeschlossen ist?

Zudem wird es im Rahmen des Erzeugerprozesses, selbst nach den Aussagen des Autors, noch verzwickter, weil die Anzahl der Akteure unzählbar wird und diese sich zusätzlich noch ineinander verweben.

Um dieses Gewirr an Personen und Aktöre zu simplifizieren ist es vielleicht einfacher in Systemen zu denken.

Zum Beispiel:

Ich bin zwar abhängig von verschiedenen Bauern, aber jetzt nicht von Torsten Jansen oder Antje Schumacher. Sondern ich bin von dem Ernährungsversorgersystem, in dem sie ihren Beitrag leisten, abhängig.

Selbst ich spiel für die keine wichtige Rolle. Und besonders keine von denen sie abhängig sind.

Geo-politische Systeme, von denen ich momentan abhängig bin, könnten sein: Stuttgart, Deutschland, Europa oder doch weltweit?

Um zu versuchen über diese Problematik hinweg und auf ein Konsens hinzu zu kommen, probiere ich es mal anders.

Ich versuche Latours Beschreibung des Lebensterrains auf mich anzuwenden: 

Ich komme aus einer halb ingenieurtechnischen und halb künstlerischen Familie. Man könnte meinen ich wuchs in einer großen Familie auf, denn ich habe drei Geschwister und somit liegen wir über den deutschen Durchschnitt. Aber dies ist natürlich eine perspektivische Definition. Ich bin mir sicher, dass in anderen Kulturen und Länder das anders gesehen wird.

Auch wie Latour, gehöre ich finanziell gesehen, und auch wie viele andere Europäer, zu dem finanziell sicheren Teil der Weltbevölkerung (siehe z.B. im Vergleich Afrika).

Zu der Frage wo ich landen will, die am Ende des Buches gestellt wird, ist meine Antwort wie folgt: Ich will da landen, wo ich schon angekommen bin. Auf der Erde. Und dies nicht als ein Mensch, sondern als ein geo-politisches und sozial offenes Wesen. Kurz als (natürliche) terrestrische Lebensform, die zufällig in Gestallt eines Homo sapiens ist.

Ich stimme Latour zu, dass Europa als proof of concept, für einen Lösungsansatz der geo-politischen Frage gilt. 

Aber nach meiner Meinung wird das nicht weit genug gegriffen. Ich finde es gibt schon zu viele Grenzen, in denen wir uns als terrestrisches Wesen selbst einschließen. 

Ich sage nicht, dass wir schon soweit sind, dass wir die Menschheit in den nächsten 50 Jahren als Einheit akzeptieren könnten. Vielleicht wird es davor noch ein Europa II oder ein Eurasia geben müssen, um zu beweisen, dass es möglich ist. Aber irgendwann müssen wir akzeptieren wo wir alle, egal ob Mensch, Tier oder Pflanze, gelandet sind.

Auf diesem drehenden kleinen brocken Gestein um ein wabernden Stern. 

Die Erde.

Terra Prima.