Skript – die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima (Naomi Klein)

1988: Das Time Magazin ernennt zum erstmal keinen Menschen, sondern die Erde, zur Persönlichkeit des Jahres- zu einer gefährdeten Persönlichkeit.

Dieses Ereignis markiert den chronologischen Beginn der Streitschrift „Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima“ von Naomi Klein, erschienen 2014.

Klein ist an die Orte der schlimmsten Umweltverwüstungen gereist, hat sich mit Wissenschaftler*innen, Politiker*innen, Wirtschaftsleuten und Aktivist*innen getroffen, dabei hat sie ein Team von Rechercheur*innen unterstützt. Nach fünf Jahren Arbeit legt Sie ein Buch mit gewaltiger Faktenbasis vor.

Naomi Klein wird nach ihren zwei international erfolgreichen Publikationen „No Logo!“ (2000) und „Die Schock-Strategie“ (2007) als Popstar der Bewegung für Klimagerechtigkeit gehandelt und ist großflächig medial präsent.

INHALT
Dass der Klimawandel sofort aufgehalten werden muss, ist unumstößliche Grundgedanke, der in jeder der 704 Seiten des wortgewaltigen Buchs von Naomi Klein mitschwingt. Dieser Grundgedanke ergibt sich für Klein einerseits aus der „Existenzkrise für die menschliche Spezies“ (S. 26), die der Klimawandel darstelle. Andererseits habe „unser jahrzehntelanges kollektives Leugnen (…) alle graduellen, schrittweisen Losungen unmöglich gemacht“ (S. 34). 
Es ist eine erhebliche Reduktion der Nutzung fossiler Brennstoffe weltweit notwendig, wenn das von allen Regierungen anerkannte Ziel erreicht werden soll, die Erderwärmung unter zwei Grad Celsius zu halten. Dabei handelt es sich, wie die kanadische Journalistin festhält, ohnehin um einen „politisch festgesetzten Wert“, „der mehr damit zu tun hat, wirtschaftliche Zusammenbrüche zu vermeiden, als eine möglichst große Zahl Menschen zu schützen“ (S. 22f.). 
Bevor Klein ihre Vorschläge zur Lösung der Klimakrise diskutiert, betreibt sie in ihrem neusten Buch, im ersten von insgesamt drei Abschnitten Ursachenforschung. Im Zweiten analysiert sie die bisherigen politisch-ideologischen Projekte zur Bekämpfung des Klimawandels. Im dritten Abschnitt bestimmt die Autorin schließlich die Subjekte des sozialökologischen „Wandels“ (S. 559) und deren politische Forderungen. 

Der Titel ist Programm: „Unser Wirtschaftssystem und unser Planetensystem befinden sich miteinander im Krieg“ (S. 33), und der Klimawandel ist ein „Kampf zwischen dem Kapitalismus und der Erde“ (S. 35). Aber Klein wird in ihrer Argumentation schnell präziser, denn sie macht nicht die kapitalistische Produktionsweise für den Klimawandel verantwortlich, sondern den „Extraktivismus“. Dabei handele es sich um „eine einseitige, herrschaftsbasierte Beziehung zur Erde, bei der es nur ums Nehmen geht“ (S. 209f.). Diese Beziehung sei verbunden mit einer „Mentalität, die viele Menschen, unsere Vorfahren ebenso wie uns Heutige, glauben ließ, wir dürften so gewaltsam mit der Erde umgehen“ (S. 209), wie es zum Beispiel im Bergbau oder bei der Erdölförderung geschieht. Diese Sorglosigkeit stehe im Kern des extraktivistischen Wirtschaftsmodells. Dieser Extraktivismus habe die moderne Welt geschaffen und zur „weitreichendsten Krise“ (S. 551) geführt, die wir heute kennen: zum Klimawandel. Dass aus dem Klimawandel eine Klimakrise geworden ist, liege laut Naomi Klein an unserem Wirtschaftsmodell. 

Drei historische Entwicklungen hätten zu einem „Hyperwachstum der Emissionen“ (S. 105) geführt: 1. die Implementierung der „drei politischen Säulen“ (S. 95) (gemeint sind Privatisierung, Deregulierung und Steuersenkungen für die Unternehmen bei gleichzeitigen Kürzungen der öffentlichen Haushalte); 2. die Internationalisierung der kapitalistischen Produktion und Zirkulation nach 1989/90 durch Freihandelsabkommen zugunsten der Konzerne; und 3. das gleichzeitige Scheitern diverser Klimaschutzverhandlungen.
Die politischen, ökonomischen und wissenschaftlichen Eliten stellen die Macht der Konzerne wie nicht in Frage, die am meisten vom Geschäft mit den fossilen Energieträgern und der Ausbeutung mit dem Klima profitieren. Sie setzen auf andere strategische Projekte im Umgang mit dem Klimawandel. Diesen Ausgeburten des „magischen Denkens“ (S. 231), das die Lösung der Klimakrise und den Kapitalismus miteinander versöhnen will, widmet sich Naomi Klein im zweiten Abschnitt ihres Buchs. 
Große Naturschutzorganisationen, wie zum Beispiel Nature Conservancy oder der WWF, kämpften „gar nicht gegen die Unternehmen und deren Interessen – sie haben sich mit ihnen vereinigt“ (S. 238). „Big Business und große Umweltschutzorganisationen“ (S. 233) unterhalten eine Art sozialökologischer Partnerschaft. Konzerne und ihnen nahestehende Stiftungen spenden den Nichtregierungsorganisationen (NGOs) Geld, entsenden Vertreter*innen in NGO-Beiräte und gewähren den NGO-Vertreter*innen Zugang zu elitären Zirkeln der Macht. Im Gegenzug forcierten diese „regelmäßig und in aggressiver Weise Methoden der Krisenbewältigung, die den größten Treibhausgasverursachern des Planeten die geringste Last auferlegen und ihnen in vielen Fällen sogar nutzen“ (S. 242). 
Der Klimawandel werde „ausschließlich als rein technisches Problem dargestellt, mit einem unerschöpflichen Potential gewinnträchtiger Losungen innerhalb der Marktwirtschaft“ (S. 256). 
Wenn Umwelt-NGOs gemeinsame Sache mit den Energiekonzernen machen, Unternehmen in Kenntnis der wissenschaftlichen Fakten an der Förderung und Verbrennung fossiler Rohstoffe festhalten und wenn hoch dekorierte Wissenschaftler*innen es vorziehen, sich dem Wetter zu widmen, statt die politisch-ökonomischen Ursachen des Klimawandels zu untersuchen – wer sind führt dann den „Aufbruch in die neue Zeit“ (S. 353)? 
Naomi Kleins Antwort: eine „konstruktive“ (S. 487), „weltweite“ (S. 389) und „mächtige Massenbewegung“ (S. 17), die ein „globales Basisnetzwerk auf breiter Grundlage“ (S. 358) unterhält und in der die „Führung von unten kommt“ (S. 559). Klein übernimmt von der nordamerikanischen Aktionskampagne „Tar Sands Blockade“ für diese Bewegung den Namen „Blockadia“ (S. 355). Er bezieht sich auf die zahlreichen Blockaden und Proteste auf dem gesamten Erdball gegen neue Bergwerke, Transportstrecken und Verladehäfen von fossilen Energieträgern. Die Speerspitze Blockadias bildeten indigene Volksgruppen. Sie lebten nicht nur häufig in den Gebieten, in denen Gas-, Öl- und Kohle-Konzerne agieren. Nicht selten hätten sie auch juristisch einklagbare Ansprüche auf die umstrittenen Territorien und schließlich verfügten sie über „Modelle für eine nicht-extraktive Lebensweise“ (S. 488). 
Kernprojekt Blockadias soll ein „Marshallplan für die Erde“ (S. 550) sein, um „die unvollendete Aufgabe der stärksten Befreiungsbewegungen in den letzten zweihundert Jahren“ (ebd.) zu Ende zu bringen. 
Diese müsse eine Machtverschiebung von den großen Konzernen zu den Gemeinschaften bewirken und ein „weitaus gerechteres Wirtschaftssystem als das gegenwärtige“ (S. 20) hervorbringen. Gelingen soll dies einerseits durch „ein gewisses Maß“ (S. 159) „langfristiger Wirtschaftsplanung“ (S. 165) des Staates und andererseits durch die Demokratisierung der Energieproduktion und -versorgung. 
Der Staat müsse bestimmte Formen der Energiegewinnung verbieten, die Rohstoffkonzerne nach dem „Verursacherprinzip“ (S. 139) besteuern, um Investitionen in erneuerbare Energien tätigen zu können, und den Markt für „grüne“ Energien regulieren. Letztlich müsse Blockadia mit seinem grünen Marshallplan auf „eine tiefgreifende Verschiebung der Machtverhältnisse zwischen den Menschen und der natürlichen Welt“ (S. 473f.) hinarbeiten.

Zitiert aus:
Naomi Klein 2015:
„Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima.“ Fischer, Frankfurt /M.

MEINE REZENSION
Klein schreibt emotional, persönlich und ohne eine wissenschaftliche Systematik. Man begleitet Sie bei ihrem privaten Prozess sich dem Thema zu stellen und dabei, wie Sie die Erkenntnis macht, dass das Problem der Umweltverschmutzung in einen größeren ökonomischen Kontext zu stellen ist. 

Zuweilen wirkt ihr Stil fast populärwissenschaftlich und Sie befindet sich in der Schwebe zwischen leidenschaftlichem Apell und dramatischer Polemik.

Durch die Bedeutung der Tagesaktuellen Faktendichte des Buches, bringt die sechs Jahre alte Publikation wenig Neues, um so erschreckender ist zu sehen wie wenig passiert ist. 

Ich finde es ist so deutlich wie noch nie das eine sachliche, fundierte Kommunikation zwischen den zwei binären Lagern notwendig ist um Leugner*innen mit ins Boot zu holen. Diese Sachlichkeit fehlt mir, noch mehr sogar, manchmal erweckte die plötzliche Begeisterung für ein Problem (das, wenn man es als solches anerkennt, mehr als ein theoretisches Konstrukt, sondern auch eine deutliche Umstellung des eigenen Lebensstils bedeutet), den Eindruck von Instrumentalisierung. Diese Form der Aneignung löst in mir Zweifel aus- keineswegs Inhaltlich(!), sondern daran, ob diese Art der Kommunikation die richtige ist und ob man sich bei dieser Thematik bewusst von meinungsbildenden Allüren distanzieren muss.