Beschreibung meines Lebensterrains, nach Bruno Latour _byTomSeeger

„Die Erdverbundenen stehen tatsächlich vor einem sehr heiklen Problem herauszufinden, wie viel andere Wesen sie zum Überleben benötigen. Indem sie deren Liste erstellen, entwerfen sie ihr Lebensterrain“ (Das Terrestrische Manifest S.101, Bruno Latour)

 Um diese Liste aufzustellen musste ich zu Beginn erst einmal den Begriff der Wesen definieren, um mir dann Gedanken machen zu können, von welchen ich abhänge und welche von mir abhängig sind. Am Begriff Wesen machte ich zuerst fest, dass es sich nicht nur um Menschen handelt, sondern der Begriff mehr einschließt. Dann erkannte ich, dass Latour mit Wesen alle die meint, die mit anderen Wesen in Abhängigkeit oder einer Verbindung stehen.

Nun, da ich jetzt den Begriff des Wesens definiert habe, lässt sich diese Liste anfertigen. Zu Beginn werde ich erst alle, von denen mein Überleben abhängt aufzählen, aber noch nicht auf die Abhängigkeiten eingehen. Ich habe diese Liste nach Wichtigkeit gestaffelt, um der Liste eine Ordnung zu verschaffen. Ganz oben auf der Liste steht Die Natur. Ohne den Sauerstoff und Nahrungsmittel wäre ein biologisches Leben nicht möglich. Direkt danach kommt der Staat oder eine normative Gesellschaft. Ohne diese wäre ein geordnetes Leben nicht möglich und man würde in einer Anarchie leben, was ich aus vielerlei Gründen nicht erstrebenswert finde, da einem jeden Erdverbundenen dort die durch den Staat garantierte Grundversorgung nicht gegeben wäre und auf Grund des Verlustes an Normativität niemand sicher wäre. Danach kommen soziale Kontakte oder eine Gemeinschaft von Menschen, die sich kennen und auf einander achtgeben. Dazu zählen zum Teil auch die Eltern, es kann jedoch von Person zu Person unterschiedlich sein, wie sehr sie zu dieser Gruppe gehören. Punkt vier auf meiner Liste ist die Bildung und die, die es mir ermöglichen, Bildung zu erlangen. Ich habe einen Wissensdrang und könnte ohne die Möglichkeit der Bildung nicht leben, bzw. hätte kein lebenswertes Leben und würde verschwinden[Ts1] .

So habe ich nun grob die großen Bereiche, Natur, Staat, Sozialgemeinschaft und Bildung definiert. Nun werde ich die einzelnen Bereiche und deren interne Abhängigkeiten anhand von Beispielen aufzeigen.

Natur

Fangen wir mit der Natur an. Wie ich schon oben beschrieben habe brauchen wir, Menschen und jedes andere Tier auf der Erde, Sauerstoff zum Atmen. Außerdem benötigt jedes Tier auch eine Art Nahrung. Für Korallen sind es kleine, im Meerwasser umherschwebende Kleintiere oder Plankton, für die Kuh ist es das Gras auf der Weide, für Springschwänze sind es verrottende Pflanzenabfälle oder Überreste von Tieren. Bei Pflanzen ist das Ganze etwas anders. Wie jeder weiß, benötigen Pflanzen Sonnenlicht für die Photosynthese. Sie brauchen aber auch Wasser und Nährstoffe, verschiedene Mineralien und Nitrat, welches sie aus dem Boden mit ihren Wurzeln bekommen. Diese Nährstoffe und vor allem das Nitrat entsteht bei der Verrottung tierischer Abfälle und Ausscheidungen durch kleinste Bakterien im Boden. Allein an dieser kleinen Auflistung erkennt man sofort, wie komplex der Bereich der Natur ist. Wie viele Abhängigkeiten in diesem Bereich vorhanden sind. Aber eigentlich sollte man davon ausgehen, dass sich jeder dieser Komplexität bewusst ist. Um jetzt genauer das Abhängigkeitsverhältnis von mir und der Natur zu definieren, fange ich bei der Abhängigkeit an, die ich von der Natur habe. Ich brauche eine lebensfreundliche Umgebung, um überhaupt leben zu können. Das heißt, ich brauche Sauerstoff und Nahrung, um zu leben. Hört sich auf den ersten Blick nach nicht viel an, wenn man aber erkennt, wie sehr die Abhängigkeiten im Bereich der Natur miteinander verstrickt sind, sollte jedem klar werden, dass diese sehr wohl hochkomplexe Abhängigkeiten sind. Betrachtet man nun die Abhängigkeit der Natur von mir an, fällt zuerst auf, dass diese Abhängigkeit nicht dieselbe Stärke hat, die die Abhängigkeit von mir zur Natur hat. Damit will ich sagen, die Natur kann auch ohne mich existieren. Ich aber nicht ohne sie. Diese Erkenntnis führt unweigerlich zu dem Schluss, dass der Begriff Umweltschutz viel eher Menschheitsschutz heißen sollte, aber das nur am Rande.

Staat oder normative Gesellschaft

 Mit einer normativen Gesellschaft meine ich eine Gruppe von Menschen, die sich auf gewisse Normen und Werte geeinigt haben und diese auch durchsetzen. In einer solchen Gesellschaft sind die Abhängigkeiten schon etwas schwieriger festzumachen. Zum einen kann eine Solche Gesellschaft nur solange bestehen, wie ihre Mitglieder bereit sind, die festgelegten Werte und Normen durchzusetzen und nur so lange wie diese Werte und Normen von der Mehrheit vertreten werden. Da haben wir schon die erste Abhängigkeit, und zwar jene, die der Staat/ die Gesellschaft als Wesen von seinen Bewohner*Innen hat. Jedoch haben all jene, die diese Gesellschaft bevölkern auch die Abhängigkeit untereinander, da jeder davon abhängig ist, dass der andere die Gesetzte wahrt und sich daran hält. Es herrscht auch eine Abhängigkeit der Bewohner*Innen von den Gesellschaftsorganen und umgekehrt, da sie ihre Legitimation verlieren, sobald sie keiner mehr achtet und als das ansieht, was sie sind.

Sozialgemeinschaft

Als dritten Punkt meiner Liste habe ich die Sozialgemeinschaft aufgeführt. Sie bezeichnet die emotionale Gemeinschaft von Menschen miteinander. Ohne eine solche Gemeinschaft würde der Mensch, der ein soziales Wesen ist, nicht existieren können und hat somit auch eine sehr große Wichtigkeit. In ihr haben die Mitglieder emotionale Abhängigkeiten untereinander die aber von Person zu Person immer unterschiedlich ausfallen. Auch ist die Anzahl der Abhängigkeiten immer von Person zu Person unterschiedlich. Trotzdem sollte die Anzahl immer größer als eins sein. Bei den Abhängigkeiten in einer Sozialgemeinschaft besteht, anders als bei den vorherigen Bereichen, eine Dynamik in den Abhängigkeiten, sie sind also nicht immer dauerhaft und es können ständig neue entstehen.

Bildung

Der vierte und letzte Punkt meiner Liste ist die Bildung. Mit diesem Begriff meine ich alles, was es mir ermöglicht mich auszuleben und mich weiterbildet. Ich würde keinen Sinn im Leben sehen, hätte ich  diese Möglichkeiten nicht. Um es einmal genauer zu definieren, gehören hierzu Nachrichten, digitale Medien, Bücher, Lehre an Schulen und Universitäten, die dazugehörigen Räume und die von der normativen Gesellschaft ermöglichte Freiheit des Denkens. Dieser Bereich wäre ohne die Menschen, die diese Möglichkeiten schaffen, nicht existent. Also haben wir eine starke Abhängigkeit von mir zu den Akteuren in diesem Bereich. Diese Akteure benötigen zwar auch Personen, die die von ihnen erstellten Möglichkeiten nutzen, also besteht auch eine Abhängigkeit von ihnen zu mir, ich schätze diese Abhängigkeit jedoch nicht so stark ein wie jene, die ich von ihnen habe.

Mit dieser Liste und ihrer genaueren Beschreibung und Definierung habe ich nun das Lebensterrain definiert und beschrieben, von dem Latour im terrestrischen Manifest spricht. Erst durch die genaue Analyse meiner Abhängigkeiten konnte ich ein Netz aufspannen, welches mein Lebensterrain darstellt und konnte dadurch auch erst begreifen, wie viele Abhängigkeiten existieren. In meinem Text habe ich versucht diese vielen Abhängigkeiten in Gruppen zusammen zu fassen, um die Liste einerseits kürzer und andererseits verständlicher zu gestalten.


 [Ts1]